Veraltet und vergessen

Nehmt euch doch auch ein Glas Wein, heute philosophiert Herr Cypax mal ein bisschen vorm Kaminfeuer...
Wireless Toolkit
Vom Aussterben bedroht: alte Programmiertools
Wir haben einen Pkw, der ist 11 Jahre alt. Eine Waschmaschine, die ist 15 Jahre alt. Meine Nähmaschine ist über 30. Und im Keller ist noch ein Bakelittelefon aus den 50ern angeschlossen. All diese technischen Dinge sind immer noch in Betrieb, sehen nicht groß anders aus als ein Neugerät (ok, ja, das Telefon schon etwas) und funktionieren auch anno 2021 nicht grundsätzlich schlechter, als es ein Neugerät würde. Deutlich anders sieht das schon bei den Computern aus. Und extrem auffällig ist der Technikwandel bei Handys. Das ist mir letztens wieder so richtig gewahr geworden, als ich für den neuen Bombenwecker ein Nokia von 2007 wieder in Betrieb genommen habe, um dafür eine Anwendung zu programmieren. 2007 steckten Android und iOS noch in den Babywindeln und es war noch nix groß mit Smartphones, Apps und derlei. Die Handys hatten mickrige Grafikdisplays, wenig Speicher und "Apps" waren im Wesentlichen kleine Java-Programme, die in einer sehr rudimentären Laufzeitumgebung liefen. Und normalerweise findet man im Netz ja zu jedem beliebigen Thema Informationen in unbewältigbarem Überfluss - um aber herauszufinden, wie und womit ich genau dieses Handy programmiere, wo man noch eine Entwicklungsumgebung herbekommt, wo eine Laufzeitumgebung und so weiter, musste ich erstmal richtig ausgiebig graben. Und ja, gefunden habe ich dann letzten Endes schon noch irgendwie alles. Aber es stellte sich dabei auch dieser Eindruck ein, sich auf nahezu völlig ausgestorbenem Gebiet zu bewegen. Fast wie ein Archäologe. Klar, von all den Bibliotheken, Konzepten und Quelltexten aus dieser Zeit ist natürlich auch einiges in Neuentwicklungen eingeflossen und lebt damit bis heute in gewisser Form weiter. Auch heutige Android-Apps beispielsweise basieren letztlich alle auf Java. Und manche IT-Themen überleben sogar dauerhaft in kleinen ökologischen Nischen. So wie manche Bankenanwendung noch in Fortran geschrieben ist oder es immer noch Geldautomaten mit Windows XP gibt. Und folglich gibt es dazu auch noch entsprechende Nischen-Communities, wo auch heute noch zumindest geringe Aktivität besteht. Bei der Handy-Anwendung á la 2007 hingegen stellte sich so ein richtiges Friedhofsgefühl ein. Die Art, wie noch vor wenigen Jahren Handyprogramme entwickelt wurden, all die Forenbeiträge, Diskussionen, Tools und Tutorials sind mausetot und kommen auch nie wieder. Da kommt man schon mal ins Grübeln, was das für eine bizarr kurzlebige Branche ist.