Wochenrückblick KW29-2015 oder "Brief an Mutti"

Liebe Frau Bundeskanzlerin, große Wellen hat diese Woche ja das Interview des Youtubers LeFloid mit Ihnen gemacht. Was wurde da nicht hinterher allerorten enttäuscht und verärgert gemotzt, dass der sich völlig unterbuttern ließ, dass Sie Ihre Ansichten unwidersprochen verbreiten durften und überhaupt viel zu wenige kritische Fragen gestellt wurden! Dass aber die ganzen Hofberichterstatter unserer selbsternannten Qualitätsmedien seit Jahren selbst keine kritischen Fragen mehr stellen, das empört leider niemanden. Und dass irgend so ein zappeliger Youtube-Nerd nicht die geringste Chance in einem Interview mit einem PR-Profi von Ihrem Schlage haben wird, war ja zu erwarten. Wollen Sie sich nicht mal mit jemanden von größerem Format anlegen? Nein, nicht mit den Talkmaster-Kasperle aus dem Staatsfernsehen - ich fände ein Interview mit Georg Schramm aber zum Beispiel ganz interessant. Ansonsten kommen Sie ja allenfalls ganz kurz mal aus der Rolle, wenn palästinensische Flüchtlingsmädchen weinend begreifen, dass sie selbst bei Mutti persönlich auch keine Gnade finden.
Und wenn wir jetzt sagen, ihr könnt alle kommen. Und ihr könnt alle aus Afrika kommen und ihr könnt alle kommen, das können wir nicht auch nicht schaffen. [...] Und die einzige Antwort die wir sagen ist, bloß nicht so lange, dass es nicht so lange dauert bis die Sachen entschieden sind.
Für die hier Mitlesenden erlaube ich mir mal das Gestammel zu übersetzen: "Das Boot ist voll und wir versuchen euch so schnell wie möglich wieder los zu werden." Tja, offen gesagt, eine derartige Empathielosigkeit finde ich auch zum Heulen. Es schien mir in dem Video übrigens so, dass Sie mit der Konfrontation der Auswirkungen Ihrer Politik etwas überfordert waren. Wenn Sie nicht bereits wieder den Kopf in den Sand gesteckt haben, dann empfehle ich - damit sie nicht mit weiteren Abschiebungsschicksalen belastet werden - mal dafür zu sorgen, dass von Deutschland bzw. Europa aus nicht weiter Elend in alle Welt exportiert wird. Jaja, das klingt jetzt schwer nach Welt retten und Gänseblümchenfriede für alle und so, aber Sie könnten tatsächlich etwas bewirken. Sie, Frau Merkel! Das fängt bei der Wirtschaft an und hört bei amerikanischen Stützpunkten in Deutschland für Drohnenmorde noch lange nicht auf. Wäre das nicht mal was? Wenigstens mal ein erster Schritt zu einer besseren Welt, Frau Merkel? Hallo, lesen Sie noch mit? Denn während hierzulande wieder Flüchtlingsheime in Flammen stehen, versuchen weiterhin Tausende verzweifelt nach Europa zu kommen - und dass es sehr viele nicht schaffen, wissen Sie ja. Ab wie vielen Toten wollen Sie eigentlich anfangen, nicht die Symptome sondern die Ursachen zu bekämpfen? Oh, und wo wir gerade bei besserer Welt und so sind, was ich in einem Interview mit Ihnen auch mal gerne wissen würde ist, warum Deutschland eigentlich immer noch Panzer nach Griechenland verkauft. Das muss wohl wieder so ein Teil des Paralleluniversums sein, in dem sich Ihre Regierung befindet. Wobei, ein bisschen Verständnis für den allgemeinen Realitätsverlust in der Politik habe ich ja schon, seit ich weiß, wie solche Umfrageergebnisse zustande kommen. Kein Verständnis habe ich allerdings für die Äußerung Ihres stellvertretenden Parteivorsitzenden:
Der Grieche hat jetzt lang genug genervt
Schreibt Herr Strobl jetzt neuerdings für die BILD? Dieses abschätzige Siegergehabe sollte doch eigentlich dunkle Vergangenheit sein. Ich jedenfalls finde "der Grieche", "der Russe", usw. sehr rückständig und fremdenfeindlich. Auch wenn er beileibe nicht der einzigste Unionspolitiker ist, der sich gegenüber "den Griechen" im Ton vergreift, könnten Sie dem Herrn nicht mal Ihr vollstes Vertrauen aussprechen? Übrigens sehe ich wirklich nicht das Problem dabei, Griechenland einfach die Staatsschulden zu erlassen. Sozusagen aus Freundlichkeit unter Nachbarn. Geht nicht, sagen Sie? Hm, komisch. Das sind doch nur so 370 Mrd. Euro. Und bei den Banken ging das doch auch. Und ganz ohne irgendwelche Forderungen. Nur so ein "Aber macht das nicht wieder, ja?" Damals war die Politik auch nicht so scharf auf Verschärfungen, Kürzungen und Kontrollen. Da waren sie noch richtig kreativ. Ginge das nicht auch so ähnlich für Griechenland, irgendwie? Machen Sie es gut! mal was Gutes! Ihr Cypax

Treffender könnte ich es auch nicht zusammenfassen.